Die Krankenölsalbung

Gottes Besuch zu seinem leidenden Volk

 

Es gehört zum Kern der christlichen Lehre, sich stark für die Besorgung der Bedürftigen und Unterdrückten einzusetzen. Ein klares Beispiel dazu finden wir in der Rede von dem jüngsten Gericht in Matthäus 25,31-46, in der der Herr  die Rettung der Glaubenden von dem gerechten Umgang mit den Bedürftigen abhänging macht:

 

34Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. 36Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.” (Mt 25,34-36)

 

Von den verschiedenen Notsituationen, in denen die Christen ihre Hilfbereitschaft zeigen soll, unterscheidet sich die Krankheit, weil jeder Mensch sie irgendwann leiden muß. In der Tat, nicht alle Menschen müssen unbedingt arm, fremd oder im Gefängnis sein. Die Krankheit jedoch erreicht jeden einzelnen, ohne nach dem Wohlstand, dem Alter und der Herkunft der Menschen zu fragen, und sie ist trotz den großen Vorschritten der Medizin in vielen Fällen unberechenbar. Deshalb haben sich die christlichen Gemeinden seit den Anfängen um die Besorgung der Kranken gekümmert. Im Neuen Testament finden wir zwei Zitate, die den Umgang der Christen mit den kranken Mitmenschen beschreiben und somit die Grundlagen für die Krankenölsalbung anbieten:

 

“Und sie (die Zwölf) zogen aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.” (Mk 6,12f)

 

"13Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, da sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. 16Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." (Jak 5,13-16)

 

Zu diesen Zitaten muß man auch das biblische Verständnis der Ölsalbung zufügen, das über eine sehr lange Tradition als Zeichen der Zuwendung Gottes zu einer bestimmten Person verfügt: Die Propheten salbten die neuen Könige mit Öl (Ps 89,21; Jes 59,7) und die Prieseter und die heiligen Gefäße des Tempels wurden durch die Ölsalbung geweiht (Ex 29,29; Lev 4,3; Ex 30,22-33).

Außerdem hat man im Altertum das Öl, oder noch genauer das Olivenöl, als ein Arzneimittel angewendet. Ein Beispiel: Der gute Samariter in Lk 10,34, der auf die Wunden eines Mannes Öl und Wein gießt.

 

Beide Eigenschaften des Öls, ein Zeichen der Zuwendung Gottes und ein Arzneimittel zu sein, ließen die Christen bei jedem Krankenbesuch den Körper des Leidenden einsalben und dabei für dessen Heil beten. Diese Geste drückten nicht nur die menschliche Fürsorge für Bedürftige aus, sondern sie erinnerten die Kranken an die frohe Botschaft des Evangeliums, daß Gott das Heil jedes Menschen will und daß er dafür sogar das Leben seines eigenen Sohnes im Kauf nahm (Jn 3,16). Dieser Gott des Heiles wendet sich durch den Besuch seiner Glaubenden und durch das Zeichen der Ölsalbung zu einem bestimmten Kranken zu und tröstet ihn mit der Erinnerung an die Verheißungen des kommenden Reiches, die in der Person Jesu ihre erste Früchte gab (1 Kor 15,20-22).

 

Diese Gewohnheiten fanden unmißverständlich Gefallen unter den Christen und sie nahmen wie jede gute Gewohnheit eine feierliche Gestalt, die sich bis zu den heutigen Riten entwickelte. Die orthodoxen Christen erhalten heute dieses Sakrament nicht nur, wenn sie körperlich krank sind, sondern auch u.a. am Kahrmittwoch und am Vorabend eines großen Festes, weil sie glauben, daß die Sünde, die in jedem Menschen steckt, eine Krankheit ist und daß Gott ihnen durch diese Gebete für den Kampf gegen die Sünde beisteht.

 

 

Die Ölsabung ist ohne Zweifel eine Gabe Gottes für uns Menschen, die allerdings nicht mißbraucht und mißverstanden werden soll. Damit meine ich vor allem, daß die Ölsalbung auf keinem Fall als Ersatz der medizinischen Behandlung betrachtet werden darf. Sie trägt keine magische Kräfte, die den Kranken ohne weiteres heilt. Die Hauptaufgabe der Ölsalbung ist, die betroffenen Menschen an das Heil Gottes zu erinnern und ihnen einen geistlichen Zuspruch in den schweren Zeiten zu geben.

 

 

 

Daniel Alberto Ayuch

P.O. Box 106

Mansourieh El-Metn

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