Die Eucharistie
Die Mahlfeier des Herrn
An jedem Sonntagmorgen machen wir orthodoxe Christen uns auf den Weg, um die göttliche Liturgie gemeinsam in der Kirche zu feiern. Doch es kommt des öfteren vor, daß wir -manchmal wegen der Routine oder manchmal wegen der Sorgen, die wir mit uns tragen-, den frohen und tröstenden Charakter dieser Feier vergessen.
Der vorliegende Aufsatz möchte auf die grundsätzliche Bedeutung der Eucharistie* uns als Mahlfeier des Herrn hinweisen.
Diese besondere Mahlfeier verfügt über zwei ausschlaggebende Merkmale: zum einen wird sie vor allem durch Erinnerung gefeiert und zum anderen bietet sie allen Getauften die notwendige Nahrung für das christliche Leben. Erinnerung und Ernährung sind die Stichwörter, die uns zum Verständnis der Eucharistie weiter helfen sollen.
Der Apostel Paulus spricht in 1. Korinther 11,23-26 ganz eindeutig über diese Feier im Sinne des Gedenkens Jesu Christi des Herrn:
"23Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, 24dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 25Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. 26Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt."
In diesen Worten stehen viele interessante Gesichtspunkte der eucharistischen Feier miteinander verbunden, von denen das Gedächtnis wahrscheinlich einer der wichtigsten ist. Offensichtlich waren alle christlichen Gemeinden seit den Anfängen dieser Einsicht, und deswegen gehört es immer zum Teil der Feier, aus dem Neuen Testament vorzulesen und dann in der Predigt die Lesungen auszulegen, damit die Christen bei jeder Feier durch diese Worte die rettende Lehre des Herrn aktualisiert und zugesprochen bekommen. In der Tat finden wir in den Evangelien und Briefen des Neuen Testamentes jene Anweisungen und vorbildliche Verhaltensweise, die die Augenzeugen und Diener des Herrn von Jesus selbst gelernt haben und weiter an die nächsten Generationen überliefert haben, damit diese weisen Worte und Taten des Lehrers Jesu im täglichen Leben der Christen fest verankert bleiben .
Nach dem Glaubensbekenntnis wird in der göttlichen Liturgie vom Priester der heilstragenden Taten Jesu Christi gedacht, d.h. wir erinnern uns an seinen Tod, sein Begräbnis und seine Auferstehung und natürlich an seine Worte beim letzten Abendmahl, wie wir sie von Paulus und den Evangelien erhalten haben.
Schließlich essen und trinken alle Glaubenden das Brot und den Wein als Leib und Blut des Sohnes Gottes, dessen Lehre und dessen Leben wir durch gemeinsames Gedächtnis vergegenwärtigt haben.
Gerade die Teilnahme an diesem Mahl gibt uns die frohe Hoffnung, auch Teilnehmer am kommenden Reich Gottes zu werden. Der Apostel Paulus zeigt in 1. Korinther 15, wie dieser Gedanke funktioniert. Er bezeichnet besonders in 1 Kor 15,20.22 Jesus Christus als Erstling des kommenden Reiches Gottes: "Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind... Denn wie sie (die Menschen) in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden."
Das Wort «werden» steht unterstrichen, um den zukünftigen Charakter dieser Hoffnung zu betonen. Deswegen sagt auch der Herr in Lk 22,15-16: "...Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes."
Jesus Christus ist also der erste fruchttragende Sproß des Gottesreiches, das wir noch hoffnungsvoll erwarten. Jesus hat dank seiner bedingungslosen und bis zum Tode führenden Treue zu Gott die Erfüllung der Verheißungen bereits erhalten und darf deswegen als Mensch bereits jetzt zur Rechten des Vaters sitzen. Aber solange dieser von Gott dem Vater erhöhte Herr noch nicht kommt, ernähren wir uns von den Erstlingen, von den ersten Früchten des kommenden Reiches, die er uns hinterlassen hat.
Wer sich ein bißchen in der Landwirtschaft auskennt, weiß, daß die Pflanzen merkwürdigerweise reife Früchte vor der richtigen Erntezeit bieten. Man kann sie essen und damit vorkosten und vorschmecken, wie alle Früchte nach der notwendigen Reifezeit eigentlich schmecken werden.
Auf dieselbe Art und Weise ernähren wir uns von der Eucharistie als von den ersten Früchten des Gottesreiches, die in der Person und den Taten Jesu Christi, "des Anführers des Lebens" (Apg 3,15), erschienen sind.
Wem dieser Gedanke fremd ist, kann an die Vorpremiere eines Spielfilmes denken. Ein Film, der in einer Vorpremiere der Öffentlichkeit vorgestellt wird, läuft eigentlich noch nicht in den Kinos, das heißt er gehört noch nicht zur Wirklichkeit seines potentiellen Publikums. Aber eine "auserwählte" Minderheit, meistens Presse- und Fachleute, dürfen das Kunstwerk im voraus sehen, damit sie durch die Erzählung ihrer Eindrücke über den noch kommenden Film das Publikum vorbereiten.
So funktioniert es auch bei Vergleichen mit dem Gottesreich. Die Apostel sind bei «der Vorpremiere des Reiches» gewesen, das heißt sie haben die Worte und Taten des Herrn Jesu Christi miterlebt und die Gaben des Geistes Pfingsten bekommen. Wir dürfen jetzt bei jeder Eucharistiefeier, bei jeder göttlichen Liturgie, diese Erlebnisse durch Erinnerung wieder so lebendig vergegenwärtigen, daß sie uns Kraft und Erkenntnis geben, damit wir jeden Tag mit der Freude des Gottesreiches leben können, bis der Herr wiederkommt.
An den Gaben dieser Malhfeier teilzunehmen, heißt es nicht, daß das Leiden und die Schwierigkeiten des täglichen Lebens auf einmal aufhören werden. Sie können vielleicht noch schlimmer werden. Die vom Herrn erhaltenen Gaben sollen uns aber neue Horizonte öffnen, damit wir einerseits den klugen Umgang mit den wesentlichen Problemen des Lebens lernen und andererseits das Ziel unseres Daseins vorkosten und wissen, daß uns am Ende des Weges noch endlose Freude erwartet.
Daniel Ayuch
Münster, 05.10.97
* Das Wort Eucharistie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Danksagung. Dieses Wort unterstreicht besonders die Grundhaltung der Teilnehmer an dieser Mahlfeier, die für die dort erhaltenen Gaben dem Herrn unaufhörlichen Dank erweisen.